Der Kopf als Magen

Der Versuch, das Unverdaubare der Welt in sich aufzunehmen, verlangt nach subtileren und langwierigeren Techniken der Verwertung: der des Wiederkäuens, des Immer-wieder-Ausspuckens und Betrachtens.
Darin einen Prozeß der Veränderung wahrnehmen zu wollen erfordert Geduld und das Denken in zeitlichen Distanzen. Dieser Betrachtung der kleinen Differenzen im Wachsen und Schwinden liegt ein Glaube an den Zusammenhang der Dinge und Ideen zugrunde, der sich nicht vom Vorgedachtem beeindrucken läßt, sondern auf die Existenz von Verbindungen und Ähnlichkeiten vertraut.
In diesem Sinne wird nichts zerschlagen, was ein Ganzes ist, nichts zurechtgebogen, was krumm ist, sondern nach Schlüsseln und Methoden gesucht, um einen Zustand momentaner Wahrheit zu erzeugen, der seinen labilen und temporären Charakter nicht verleugnet. So wird die Kategorie des Absoluten unbedeutend und der Moment der Entwicklung, der Veränderung und des Wachstums Zentrum der Beobachtung und des Handelns.
Dieses beständige Verdauen und Von-sich-geben erscheint als ein beinahe natürlicher Kreislauf, dem es nicht um die Schaffung eines Mehrwertes von Erkenntnis und Materie geht, sondern der in Form eines Strudels in sich aufnimmt und verdichtet, um wieder abzugeben und sich von Neuem durchlässig zu machen. Der Keim dieser Kraft, welche den Strom fließen läßt, bleibt geheimnisvoll ohne bedrohlich zu sein und wird wohl nur in einem Individuum existieren, das sich im Vertrauen auf seine prinzipielle Beständigkeit als Teil eines Ganzen erleben kann.

Martin Reinhart

Do Not Touch

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